Wer einen Betriebsrat gründen will, lebt auch in England gefährlich
Auch britische Unternehmer mögen keine Betriebsräte in ihren Firmen. Bemerken sie, dass Mitarbeiter Aktivitäten zur Gründung eines solchen Betriebsrats starten, suchen die Inhaber und Manager oft nach Gründen, diese "Störenfriede" abzuschrecken oder gleich ganz loszuwerden, also zu kündigen. Natürlich brauchen sie für eine solche Kündigung offiziell einen anderen Grund.
Rechtlich sind "Blacklisting", also das Führen schwarzer Listen von gewerkschaftsnahen Mitarbeitern, und "Union Busting" auch in Großbritannien verboten, speziell durch den erst 2025 modernisierten Employment Rights Act 2025, der gerade auch die Rechte von Gewerkschaften gestärkt hat. Unter Union Busting (wörtlich Gewerkschaftszerschlagung) versteht man in den USA, aber auch in UK, die systematische Bekämpfung von Betriebsräten und gewerkschaftlicher Organisierung von Mitarbeitern. Das kann mehr oder weniger subtil sein und reicht von Gesprächen mit den Akteuren, warum die denn trotz des großartigen Betriebsklimas unbedingt einen Betriebsrat initiieren wollen, bis hin zur Kündigung unter einem nicht selten an den Haaren herbeigezogenen Vorwand.
"Rockstar Games" hat 31 Mitarbeiter in UK gekündigt, die einen Betriebsrat gründen wollten. Im Herbst 2026 kommt es zur Gerichtsverhandlung
Dass so etwas nicht nur bei altmodisch denkenden Manchester-Kapitalisten vorkommt, sondern auch bei vermeintlich modernen, hippen Unternehmen, beweist der aktuelle Rechtsstreit rund um ROCKSTAR GAMES. Die sind in der Gaming Szene nicht irgendwer, sondern die Produzenten der Hitreihe GRAND THEFT AUTO. Dort nehmen es die Spieler nicht so genau mit der Legalität.
Ob es auch in der Führungsetage von ROCKSTAR GAMES rechtswidrig zuging, darüber wird im September und Oktober 2026 vor dem Glasgow Employment Tribunal verhandelt. Unter großer Aufmerksamkeit der britischen Arbeitsrechtler.
Was war passiert?
Im Oktober 2025 entließ Rockstar Games 31 Mitarbeiter in seinen britischen Niederlassungen (vor allem aus dem Studio in Lincoln) fristlos.
Die Sicht der Mitarbeiter und ihrer Gewerkschaft:
Die Independent Workers’ Union of Great Britain (IWGB) reichte Klagen gegen die Kündigungen ein. Es handle sich um rechtswidrige Entlassungen (unfair dismissal), Verletzung von Gewerkschaftsrechten (union victimization) und Blacklisting. IWGB weist vor allem darauf hin, dass die Entlassungen der "Betriebsratsaktivisten" just zwei Tage nach Erreichen der 10-Prozent-Schwelle für die Gründung eines Betriebsrats erfolgten.
Die Sicht von Rockstar Games:
Das Unternehmen behauptet, die Mitarbeiter seien wegen grober Vertragsverletzung aus wichtigem Grund gekündigt worden, nämlich wegen Verstößen gegen die Vertraulichkeitspflicht. Sie hatten nämlich über die Discord-App kommuniziert und ihre Betriebsratsgründung über diese Plattform koordiniert. Laut Rockstar seien dadurch vertrauliche Informationen und Betriebsgeheimnisse an Dritte gelangt.
Die Gewerkschaftsanwälte bestreiten, dass Betriebsgeheimnisse an Dritte gelangten und kontern zudem mit der Frage, wie Rockstar sich denn eigentlich Zugang zu dem privaten Discord-Server der Gewerkschaft verschafft hat. Woher Rockstar also den Gruppen-Chat-Verlauf kennt. Sie werfen Rockstar vor, aktive Organisatoren auszuspionieren und Listen von Gewerkschaftsmitgliedern zu erstellen (verbotenes Blacklisting).
Das Arbeitsgericht wird vier Wochen verhandeln und dutzende Zeugen hören
Eine spannende und hochemotionale Ausgangslage. Vor allem zeigt der Fall, dass diejenigen Mitarbeiter, die aktiv an der Gründung eines Betriebsrats arbeiten, extrem vorsichtig sein sollten, wie, wo und mit welchen Inhalten sie untereinander kommunizieren. Denn der Arbeitgeber sucht in dieser Phase nur nach Gründen (oder sagen wir besser Vorwänden) für eine Kündigung.
Über all diese Fragen wird das Employment Tribunal in Glasgow eine sehr ausführliche Beweisaufnahme durchführen, mit dutzenden von Zeugen, die unter Eid aussagen müssen.
Falls es nicht doch noch zu einem Vergleich kommt.
Denn das Timing ist für Rockstar Games extrem ungünstig, weil die Verhandlungsphase im September und Oktober 2026 nur wenige Wochen vor der mit Spannung erwarteten Veröffentlichung von Grand Theft Auto VI am 19. November 2026 liegt. Da kann man eigentlich keine negative Presse brauchen. Andererseits: There is no such thing as bad publicity. Is there?
Weitere Informationen zum Zivilprozess in England
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Rechtsanwalt Bernhard Schmeilzl ist Experte für deutsch-englische Zivilprozesse, insbesondere Wirtschaftsprozess und Handelsstreitigkeiten, Autor des Praxishandbuchs "Der Zivilprozess in England" im Beck Verlag und er verfasst den Länderbericht „Familienrecht England & Wales“ im BGB-Kommentar des NOMOS Verlags (5. Auflage erscheint Anfang 2027)
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