19.05.2026 |

Der "typische" Richter in England

Richter in England

The Judiciary: Die Richterschaft in England und Wales

Englische Judges haben erheblich besseres Standing als deutsche Richter. Warum? Im Unterschied zu Deutschland werden Richter in England und Wales nicht frisch von der juristischen Schulbank weg rekrutiert, also unmittelbar nach dem zweiten Examen, sondern aus der Anwaltschaft (Details). Voraussetzung für eine Richterernennung ist eine „angemessene juristische Berufserfahrung“ (reasonable judicial experience). In der Praxis bedeutet das heute mindestens fünf bis sieben Jahre Anwaltstätigkeit, meist sind es jedoch erheblich mehr, so dass man kaum Richterinnen oder Richtern begegnet, die jünger als 40 Jahre sind. Früher mussten Bewerber um ein höheres Richteramt (circuit judge, High Court judge, master u.a.) mindestens zehn Jahre Berufserfahrung als barrister aufweisen, seit 2004 genügen sieben Jahre, für district judges mindestens fünf Jahre.

Ein weiterer Unterschied zu Deutschland: Wer Richter werden will, bewirbt sich auf eine ganz konkrete freie Position. Diese werden auf der Website der Judicial Appointments Commission (JAC) in der Rubrik „Vacancies“ ausgeschrieben. Auf beliebte Richterpositionen bewerben sich in der Regel mehrere hundert Kandidaten. Es gibt weder ein bestimmtes Mindest- noch Höchstalter, so dass auch Anwälte jenseits der 50 oder sogar 60 regelmäßig zu Richtern ernannt werden. Eine faktische Grenze resultiert aber aus dem gesetzlichen Pensionierungsalter (mandatory retirement age), das im Jahr 2021 von bisher 70 auf 75 Jahre erhöht wurde.

Was für deutsche Berufsrichter befremdlich wirken dürfte: Viele starten ihre Justizkarriere – neben der Anwaltstätigkeit – als Teilzeit-Richter (part-time judges) auf Honorarbasis oder sogar ehrenamtlich in einem tribunal. Es erhöht nämlich die Chancen auf die Benennung in ein höheres Richteramt, wenn man vorher an lower courts in ehrenamtlichen Richterfunktionen oder als Schiedsrichter (arbitrator, adjudicator) tätig war.

Gibt es den typischen englischen Richter?

Wer sitzt bei einem Zivilprozess eines deutschen Unternehmers in England nun nach statistischer Wahrscheinlichkeit auf der Richterbank?

Obwohl sich in der englischen Bevölkerung und Boulevardpresse hartnäckig das Stereotyp vom „alten weißen Tory-Richter mit Privatschulausbildung und Oxbridge-Studium“ hält, ist die Richterschaft (judiciary) in England heute sehr viel heterogener als noch in den 1980er und 1990er Jahren.

Bis zur Constitutional Reform Initiative wurde die Rekrutierung des Richternachwuchses oft als “old boys network“ kritisiert, in der etablierte Elite-Uni-Absolventen ihre Verwandten und Freunde bzw. deren Kinder beriefen.

Der Constitutional Reform Act (2005) brachte eine völlig neue Methode der Personalrekrutierung, erheblich transparentere Kriterien der Personalauswahl und eine bessere Vorbereitung der Richter auf ihre praktische Tätigkeit. Die Auswahl der am besten geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten obliegt seither den 15 Mitgliedern der neu geschaffenen Judicial Appointments Commission (JAC). Details zur Zusammensetzung hier.

Statt “old boys network“ nun klare Einstellungs- und Beförderungskriterien sowie größere Diversität der Richterschaft als ausdrücklich benanntes Ziel.

Laut Judicial Diversity Statistics vom 14. Juli 2022, die Auskunft gibt über Geschlechterverteilung, ethnische Abstammung und beruflichen Hintergrund der Richterschaft zum Stichtag 1.4.2022, waren 32% der court judges und 50% der tribunal judges Frauen (bei den court judges ist das eine Steigerung um 11 Prozentpunkte seit dem Stand vom April 2014).

Der in Großbritannien unter der Bezeichnung BAME (Black, Asian and minority ethnic) zusammengefassten Bevölkerungsgruppe gehörten 9% der judges an (allerdings nur 5% der senior judges, also High Court und darüber), wobei der BAME-Anteil in London erheblich höher ist als im Rest des Landes. Als beruflichen Hintergrund gaben 69% der court judges an, vorher barrister gewesen zu sein, 31% waren vorher als solicitor, chartered legal executive (CILex) oder in einem anderen Beruf tätig.

Wer sich genauer für den soziologischen Hintergrund und die tatsächliche Arbeitswelt der englischen Richterschaft interessiert, deren Einstellungen, Alltagsablauf und praktische Probleme, dem sei das Buch „Sitting in Judgment - The Working Lives of Judges” von Penny Darbyshire empfohlen, Ergebnis einer siebenjährigen Studie, während der die Autorin Richterinnen und Richter auf allen Ebenen der englischen Justiz bei ihrer Tätigkeit beobachtete (work-shadowing) und hunderte von Interviews führte.

Kategorien und Amtsbezeichnungen der englischen Richterschaft

Wie vieles im englischen Justizwesen sind auch die Amtsbezeichnungen für das Richterpersonal verwirrend und unübersichtlich, zumal der Amtstitel keine eindeutigen Rückschlüsse auf den Einsatzort zulässt. So kann etwa ein Circuit Judge an vier verschiedenen Gerichten tätig sein, darunter der High Court. Obwohl der Crown Court ausschließlich für Strafverfahren (schwere Delikte) und der County Court ausschließlich für Zivilverfahren zuständig sind, bezeichnet man Strafrichter, die am Crown Court tätig sind, ihrer Hierarchiestufe nach als High Court Judges oder County Court Judges.

Die Justiz (judiciary) in England ist strikt hierarchisch gegliedert, wobei Positionen wie Lord Chief Justice oder Lord Chancellor keine Entsprechung in Deutschland haben. Hier eine Übersicht der gesamten Richterschaft, beginnend an der Spitze mit der Senior Judiciary, über den Mittelbau, bis zu den Masters, Registrars und District Judges.

  • Lord Chief Justice of England and Wales (LCJ): Der oberste Richter (Head of the Judiciary) sowie Präsident aller Gerichte von England und Wales. Nur der Präsident des Supreme Court of the United Kingdom steht protokollarisch im Rang noch über ihm. Neben zahlreichen Verwaltungs- und Repräsentationsaufgaben, verantwortet der LCJ auch die Fortbildung der Richterschaft (training for the judiciary), die vom Judicial College in London organisiert und durchgeführt wird.
  • Lord Chancellor (LC): Der Lord Chanellor übt selbst kein Richteramt aus, hat aber – gemeinsam mit dem Lord Chief Justice – die Disziplinargewalt und verantwortet über die Judicial Appointments Commission die Benennung von Richtern.
  • Heads of Division: Die vier Heads of Division sind die obersten Vertreter des Berufungsgerichts sowie der drei Zweige des High Court und werden bezeichnet wie folgt: (i)  Master of the Rolls steht der Civil Division of the Court of Appeal vor und wird in Urteilen und juristischen Aufsätzen mit dem Kürzel „MR“ hinter dem Namen bezeichnet, also zum Beispiel “Smith MR”; (ii) President of the King's Bench Division, abgekürzt bezeichnet als “Smith P”; (iii) President of the Family Division, abgekürzt bezeichnet als “Smith P”; (iv) President of the Chancery Division of the High Court, der allerdings, damit es nicht zu einfach wird, anders bezeichnet wird, nämlich: Chancellor of the High Court, abgekürzt als “Smith C”
  • List of Lords/Ladies Justices of Appeal (LJJ): Die Richter am Berufungsgericht (judges of the Court of Appeal) tragen den Titel “Lord Justice Smith” bzw. “Lady Justice Smith”. In Urteilen und juristischer Literatur werden die Berufungsrichter bezeichnet als „Smith LJ“ oder, wenn mehrere gemeint sind, als „Smith and Jones LJJ“. 
  • High Court Justices, Masters, Companies Court Judges, Insolvency Court Judges: Mit diesen Richtern, den High Court Justices, hat eine deutsche Prozesspartei in einem deutsch-englischen Zivilprozess mit hoher Wahrscheinlichkeit zu tun. Sie sind ungefähr vergleichbar mit deutschen Richtern am Landgericht, wobei der englische High Court tendenziell einen etwas höheren Status hat als das Landgericht in Deutschland. Auch wenn High Court Justices nicht automatisch zum Privy Council gehören, befinden sie sich in der Richterhierarchie schon sehr weit oben. Master, die man übrigens auch so nennt wenn sie weiblich sind, organisieren das frühe Stadium des Verfahrens (pre-trial stage) und sind meist für das case management zuständig, entscheiden also über die Zuordnung zum richtigen Verfahrensgleis („fast track“ oder „multi track“). Sie legen Fristen und Verhandlungstermine fest und entscheiden über Fristverlängerungsanträge, die in England viel restriktiver gehandhabt werden als in Deutschland. Mit Masters sollte man sich daher gut stellen und sie nicht durch Fristüberschreitungen oder andere Formalfehler verärgern. In manchen Fällen leiten Master auch selbst die Verhandlungen (trials), sind also „vollwertige“ Richter. Jede High Court Division hat einen Senior Master. Für deutsche Juristen ist von besonderer Bedeutung, dass der Senior Master of the Queen’s Bench Division für die Anerkennung ausländischer Urteile zuständig ist (registration of foreign judgments).
  • Circuit Judges, Recorders: Circuit Judges stehen in der Hierarchie zwischen den High Court Judges und den District Judges. Der Name bezieht sich auf die court circuits (Gerichtsbezirke) in England und Wales, man könnte sie daher als Bezirksrichter bezeichnen. Die Einsatzbereiche der insgesamt rund 600 Circuit Judges sind der für Strafsachen zuständige Crown Court, die County Courts sowie einige spezialisierte Abteilungen des High Court (etwa dem Technology and Construction Court). Circuit Judges können auch zu Deputy High Court Judges ernannt und zur Tätigkeit an den High Court abgeordnet werden. Nebenberufliche (part-time) Circuit Judges werden als Recorders bezeichnet. Sie sind in der Regel im Hauptberuf barristers oder solicitors und werden für die richterliche Nebentätigkeit (meist im Umfang von drei bis sechs Wochen pro Jahr) mit Tageshonorarpauschalen (daily fees) vergütet.
  • District Judges, Deputy District Judges: Für district judges gibt es zwei verschiedene Einsatzbereiche, die county courts, wo sie über allgemeine Zivilsachen sowie Familiensachen entscheiden, und die für Ordnungswidrigkeiten und Strafsachen (geringerer Bedeutung) zuständigen magistrates‘ courts. Auch auf dieser Ebene sind viele Richter nebenberuflich auf Tageshonorarbasis tätig, dann bezeichnet als deputy district judges.

Alle Richter sind auf der offiziellen Judiciary Website namentlich aufgeführt, nicht nur die obersten Richter (senior judiciary), sondern alle, bis hinunter zu den district judges. Zu den Angehörigen der senior judiciary (High Court judges aufwärts) findet man meist auch weitere Informationen wie berufliche Lebensläufe und Fotos.

Einstieg und Karrieremöglichkeiten

Die englische Justiz leidet seit etlichen Jahren unter Personalnot und einem dadurch verursachten Rückstau unbearbeiteter Fälle, was zu Zeitungsüberschriften führt wie „Judge recruitment crisis worsens court backlog“ in der Times vom 7.2.2023.

Um Juristinnen und Juristen für eine Karriere in der Justiz zu gewinnen, geben sich die britische Regierung und Justizverwaltung deshalb verstärkt Mühe, dem Richternachwuchs den Einstieg zu erleichtern. Das 2022 neu geschaffene Portal „Judicial Careersbietet „work shadowing“ und „mentoring programmes“, also Schnupperpraktika für unsichere Interessenten und Mentorenprogramme für Einsteiger.

Wie spricht und schreibt man Richter in England an?

Das habe ich bereits in diesem Beitrag hier erklärt.

Was verdienen Richter in England?

Kurz gesagt: erheblich mehr als in Deutschland. Die Details habe ich hier einmal zusammengestellt.

Amtstracht, Roben, Perücken: Was müssen Richter in England anziehen?

Die hierarchische Gliederung der Richterschaft spiegelt sich auch in den feierlichen Amtstrachten wider (full gown oder auch habit genannt). Diese farbenprächtigen Roben und langen Perücken (full-bottomed wigs) werden heute aber nur mehr zu zeremoniellen Anlässen getragen. In Gerichtsverhandlungen tragen Richter – wenn überhaupt – nur mehr einfache Perücken (short wigs). Zur historischen Entwicklung der Amtstrachten hier www.judiciary.uk/about-the-judiciary/the-justice-system/history/

Nach wie vor verpflichtend sind Perücken in allen Strafverfahren. An Zivilgerichten erster Instanz, auch am High Court, tragen Richter heute dagegen gar keine wigs mehr. Die Court Dress Reform 2008 brachte zudem ein neues, schlichteres Design für Richterroben. Die neuen Richterroben bestehen aus Kammgarn in Mitternachtsblau mit einem Samtbesatz in Navy Blue.

Den Status des Richters erkennt man an zwei farbigen Streifen (tabs) unterhalb des Kragens: Appeal Court Judges tragen goldene Streifen, bei High Court Judges sind sie rot, bei Masters und Companies Court Judges des High Court sind sie pink und bei District Judges blau. Die Einführung des neuen „bare headed“ Look, entworfen von Stardesignerin Betty Jackson, war in der Richterschaft anfangs wenig beliebt, die sich darüber beschwerte, dass man sie nicht konsultiert habe und dass englische Richter nun aussähen wie Figuren aus Raumschiff Enterprise. So titelte der Independent vom 27.3.2009 „Objection! Judges reject new robes“ und die Daily Mail vom 1.4.2009 sogar „Judges' horror at designer Betty Jackson robes which look like a Star Trek costume“ 

Die konservative Boulevardpresse beklagte den Verlust einer Jahrhunderte alten Tradition. Konsequenterweise haben sich die Prozessanwälte (barrister) der Court Dress Reform verweigert und auf Beibehaltung ihrer charakteristischen wigs bestanden, auch in Zivilverfahren.

Weitere Informationen zum Zivilprozess in England

Rechtsanwalt Bernhard Schmeilzl ist Experte für deutsch-englische Zivilprozesse, insbesondere Wirtschaftsprozess und Handelsstreitigkeiten, Autor des Praxishandbuchs "Der Zivilprozess in England" im Beck Verlag und er verfasst den Länderbericht „Familienrecht England & Wales“ im BGB-Kommentar des NOMOS Verlags (5. Auflage erscheint Anfang 2027)

Beitragsfoto lizensiert über Alamy (B0BAHP)

Kategorie: ProzessrechtZivilprozesseHigh CourtCrown CourtMagistrates CourtCounty Court

Autor
Bernhard Schmeilzl

Bernhard Schmeilzl

Rechtsanwalt & Master of Laws

+49 (0) 941 463 7070 info@englischesrecht.de

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